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Wahrheit vs. veröffentlichte Meinung?

BLAULICHT vom 27. Januar 2016

Das sifa-Blaulicht dokumentiert exklusiv Fälle von Kriminalität und Gewalt sowie deren Behandlung durch Gerichte und Behörden.

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sifa-Recherche zu den Vorfällen in Walenstadt (SG)

PRÜGELOPFER FATLUM J. – WAHRHEIT VS. VERÖFFENTLICHTE MEINUNG?

Von Anian Liebrand, sifa

Der Vorfall gibt zu denken. Der 12-jährige Fatlum J. aus Walenstadt SG wurde Mitte Januar in eine rüde Schulhausschlägerei verwickelt. Eine «Schweizer Gang» («Blick»-Titel) von mehreren Oberstufenschülern im Alter von 15 bis 16 Jahren habe den albanischstämmigen Schüler auf dem Pausenplatz spitalreif geschlagen. Der Vater des Fünftklässlers spekulierte gegenüber Medien auf «rassistische Motive». Das veröffentlichte Urteil war rasch gebildet: Rassistische Schweizer Schüler verprügeln grundlos einen wehrlosen Ausländerbuben – welch ein willkommener Kontrast zur gegenwärtig omnipräsenten Berichterstattung über die tatsächlich vorhandene Ausländergewalt. Der sifa vorliegende Informationen legen indes nahe, dass die Wirklichkeit um einiges differenzierter zu beurteilen ist.

Keine Frage, das dem Buben Fatlum J. angetane Leid macht fassungslos und ist schärfstens zu verurteilen. Nach dem hemmungslosen Gewaltakt musste der Junge von einer Ambulanz abgeholt und nach Chur ins Spital eingeliefert werden. Laut seinen Aussagen sei er zuvor getreten und durch die Luft geworfen worden. Man habe ihm so lange Schnee in den Mund gestopft, bis er ohnmächtig wurde. Laut Medienberichten habe die Diagnose gelautet: Schwere Hirnerschütterung, geprellte Schulter und verstauchte Zehen.

Widersprüche
In den Schilderungen, welche Verletzungen Fatlum J. denn wirklich davon getragen habe, verstrickt sich dessen Vater, Faik J., allerdings in Widersprüche. Gegenüber «20 Minuten» berichtete er, sein Sohn habe ein Schlüsselbein gebrochen und ein Schädelhirntrauma erlitten. Dieser Darstellung widerspricht der Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen, Hanspeter Krüsi: «Der 12-Jährige hat kein Schädelhirntrauma erlitten.» Er sei auch nicht bewusstlos gewesen.

Als der Junge wieder aus dem Spital zuhause war, empfing Faik J. den Ostschweizer Fernsehsender TVO im Beisein seines Sohnes und kommentierte die Vorkommnisse bereitwillig. Sein Sohn sei grundlos von Schweizern beschimpft und zusammengeschlagen worden, beklagt er sich und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Schulleitung der betroffenen Schule in Walenstadt SG, wo sich der Vorfall ereignete. Die Schweizer Schüler dürften weiterhin zur Schule gehen und seien noch nicht einmal bestraft worden.

Der Schulleiter Heiner Solenthaler rief im gleichen TVO-Bericht das übliche Vorgehen in Erinnerung. Es sei Sache der Polizei, die Prügler angemessen zu bestrafen, nicht die Aufgabe der Schule. «Solange aber nicht klar ist, welche Schüler involviert waren, gilt die Unschuldsvermutung», so Heiner Solenthaler. Der Polizeisprecher bestätigte derweil gegenüber «20 Minuten», dass die Ermittlungen aufgenommen und sechs Personen angezeigt worden seien.

Der Vater war selbst ein Schläger
Faik J. gibt sich den Medien gegenüber als besorgter Vater, der es ungerecht findet, dass sein Sohn Opfer von Schlägern geworden ist. Was Faik J. aber verheimlichte: Er selber ist mit der Rolle des Schlägers durchaus vertraut. Während seiner Schulzeit war Faik J. in seiner Wohngemeinde Mels SG als gewalttätiger Rüpel berüchtigt. Im Verbund mit seiner Clique versetzte er das Oberstufenschulhaus Mels in Angst und Schrecken. Wie ein Zeuge der sifa berichtet, waren sie «immer zu dritt oder zu viert» unterwegs, wobei hauptsächlich Faik auf andere Mitschüler eindrosch. Mit Ketten, Schlagring und Stellmesser bewaffnet, habe er sich auf der Schulanlage Felsacker bewegt. Er bedrohte andere Schüler und schlug immer wieder drein. «Da sie in Gruppen kamen, wagte niemand Gegenwehr».

Die sifa-Informationen decken sich fast aufs Haar genau mit den Aussagen von Mitschülern Faiks, die in einem Artikel der «Südostschweiz» von 1997 festgestellt wurden. Einige damalige Schüler sprechen gar davon, dass auf dem Schulhof Pistolen getragen wurden – diese Aussage ist allerdings nicht sicher verbürgt. Nachdem der Problemschüler trotz diverser übler Geschichten – die Polizei musste Faik J. mehrmals aus dem Schulunterricht abholen – noch nicht von der Schule suspendiert worden war, beschlossen über 300 Oberstufenschüler, unkonventionelle Massnahmen zu ergreifen.

Nach der 10 Uhr-Pause bliesen sie zum Streik. Sie forderten, dass Faik J. von der Schule verwiesen wird. «Wenn ein Schweizer sich das alles leisten würde, was sich J. leistet, wäre er schon längst von der Schule geschmissen worden», sagte eine der streikenden Schülerinnen damals zur «Südostschweiz».

Nach der Schlägerei, in die sein Sohn verwickelt war, beschwerte sich Faik J. in den Medien, dass Gewalt gegen das eigene Kind das Schlimmste sei, was einem Vater passieren könne. Besonders störe ihn, dass sich von den Eltern der prügelnden Schüler noch niemand bei seiner Familie mit einer Entschuldigung gemeldet habe. An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob die Schüler der Oberstufe Mels, in der Faik J. selbst als Jugendlicher wütete, denn je eine Entschuldigung seiner Eltern erhalten haben. Faik J. kommentiert seine unrühmliche Vergangenheit gegenüber dem «Blick» so, dass er damals gerade zwei oder drei Jahre in der Schweiz gewesen sei. Er sei «hyperaktiv und brutal impulsiv» gewesen. «Diese Lebensphase hat mich psychisch sehr lange belastet – bis heute.»

Es gibt immer zwei Seiten
Ob der 12-Jährige Fatlum – angelehnt an die «ruhmreiche» Vorgeschichte seines Vaters – tatsächlich «nur» Opfer ist, muss im Interesse der Wahrheitsfindung hinterfragt werden dürfen. Gewisse Zweifel scheinen jedenfalls angebracht. Wie die sifa aus Lehrer-naher Quelle aus Walenstadt weiss, sei der junge Albaner nämlich «nicht so harmlos, wie er sich in den Medien gab». Der Schüler provoziere mitunter und «spielt gerne den Chef».

Diese bislang nirgends veröffentlichte Aussage kann darauf hindeuten, dass der Junge womöglich doch nicht «grundlos» im Konflikt mit Schweizer Oberstufenschülern gestanden hat – wenngleich eine allfällige Provokation niemals eine Rechtfertigung für erlittene Gewalt darstellte. Zweifellos wurde mit dem brutalen Zusammenschlagen von Fatlum eine klare Grenze überschritten, die man mitnichten als harmlose Pausenschlägerei durchgehen lassen kann. Fakt ist aber auch, dass Konflikte immer zwei Sichtweisen haben und systematische Gewalt von Schweizer Schülern gegen Ausländer – zum Glück – sehr selten ist. Bevor Aussenstehende voreilig ein Urteil abgeben, sind die Umstände genau abzuklären. Es würde interessieren, wie eigentlich die Schweizer Schüler die Angelegenheit sehen.

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